Interessante Berichte und Artikel *meine eigenen Bücher*News

Buch-Neuerscheinung

Wird das der neue Bestseller? „Gil, wer sagt, dass wir die Männer brauchen?“

Letzte Leseprobe des Romans:

„Gil, wer sagt, dass wir die Männer brauchen?“  (nichts für Männerohren).

„Malcom liebt mich und nur das zählt für mich. Mich interessiert es nicht, wie ich auf andere Männer wirke.“
Gil machte, während sie das sagte, auf Esther den Eindruck eines bockigen Kleinkindes.

„Ach komm Gil, mach dir nichts vor. Warum gehst du zum Friseur, warum kaufst du dir hübsche Sachen, für wen machst du dich schön, wenn du aus dem Hause gehst? Dein Malcom würde noch nicht einmal merken, wenn dir dein Friseur eine Glatze verpasste.“

„Du bist heute richtig gehässig und gemein, unerträglich. Ich glaube, ich sollte jetzt nach Hause fahren.“

„Gil bitte, ich meine es doch nicht böse. Im Gegenteil. Ich will dich doch nur wachrütteln, damit du nicht dein gesamtes restliches Leben vergeudest, wegwirfst. Es gibt doch noch mehr, als das Haus sauber zu machen, einem phlegmatischen Ehemann alles hinterher zu räumen, immer den gleichen Trott zu absolvieren. Willst du denn wirklich die nächsten dreißig Jahre so leben? Es gibt doch auch noch ein Leben vor dem Tod.“

„Wieso redest du plötzlich vom Tod. Muss ich etwas wissen?“

„Ach Unsinn, mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut, gesundheitlich jedenfalls. Aber ich will nicht weiter den Rest meines Lebens sinnlos vergeuden. Ich will endlich wieder Fun haben, will mich amüsieren, will nette Leute treffen, will irgendwas Nützliches tun. Und ich will wieder spüren, dass ich eine Frau bin. Und genau das werde ich auch tun. Scheißegal, was andere drüber denken.“

„Du scheinst dich ja schon gut vorbereitet zu haben? Was ist mit Dave?”

„Dave geht es wieder besser. Er ist sehr zufrieden mit seinem neuen Job in Bournemouth. Auch wenn Küchen nicht gerade sein Fall waren, so hat er sich doch damit arrangiert. Sein Chef scheint auch mit ihm außerordentlich zufrieden zu sein. Und Gott sei Dank hat er mit der Sauferei wieder aufgehört. Ich glaube sogar, dass er eine Geliebte in Bournemouth hat.“

Dabei schaute sie einen Moment lang aus dem Fenster des Cafés und beobachtete nachdenklich einige der vorüberziehenden Menschen. Sie war kurz mit ihren Gedanken abgedriftet.

„Du machst mich heute echt fertig, Esther. Noch so eine Neuigkeit. Bist du sicher, dass Dave eine andere hat?“

„Nein, sicher bin ich nicht. Es gibt keine Beweise dafür. Aber er bleibt häufig in Bournemouth über Nacht, angeblich, weil er abends noch mit einem Kunden zum Essen gehen muss. Das glaube ich allerdings nicht mehr. Kommt zu oft vor.“

„Hast du ihn mal gefragt?“

„Was soll ich ihn denn fragen. Hallo Schatz, sag mal, hast du eine Neue in Bournemouth, mit der du mich betrügst? Mit der du fröhliches Hoppahoppa veranstaltest, den Hengst spielst?“

„Sei nicht albern. Aber du könntest ihn doch mal fragen, ob es in seinem Leben eine andere Frau gibt.”

„Und du glaubst, er würde es mir brühwarm beichten? So nach dem Motto, klar Schatz, du hast ja nie Lust und ich muss mich schließlich irgendwo befriedigen können. Das verstehst du doch sicher. Meinst du so was in der Art?”

„Unglaublich!“

„Was, was ist jetzt schon wieder unglaublich?“

„Dein neuer Sarkasmus ist unbeschreiblich. Warst du früher schon so sarkastisch und es ist mir nur nie aufgefallen, oder ist das jetzt deine neue Art der Kommunikation?“

„Wieso denn, ich sage nur, wie das wahre Leben so ist. Natürlich würde er alles abstreiten und mich für blöd verkaufen wollen, falls ich mit meiner Vermutung richtig liegen sollte. Da hab ich keinen Bock drauf. Nicht mehr.“

„Falls er dir nicht die Wahrheit sagen würde, wird er aber sicher nervös werden. An seiner Reaktion kannst du sicher ablesen, ob er dich belügt und betrügt.“

„Vielleicht will ich es gar nicht mehr wissen. Ich will mich ohnehin scheiden lassen. Der einzige Grund, weshalb ich noch bei ihm bin ist, dass ich ihn nicht im Stich lassen wollte, als er ohnehin schon durch den Jobverlust so stark angeschlagen und niedergeschlagen war. Das war ich ihm schuldig nach so vielen Jahren Ehe. Aber nun ist Schluss. Schluss mit meiner Loyalität, meinem Entgegenkommen, meinem Service, meiner vorgegaukelten Zufriedenheit des Frieden Willens. Ich will nicht mehr. Er braucht mich nicht mehr und ich brauche ihn nicht mehr. Punkt aus.“

„Tut mir leid, aber ich kann das nicht glauben, dass du dich nach so langer Zeit so einfach von deinem Mann trennen kannst.“

„Na, dann wart mal ab. Das wirst du bald sehen, wie einfach das geht. Als ich mit Sammy Sex hatte, wurde mir klar, dass mein Leben noch nicht vorbei ist. Das noch Leben in mir drin ist. Das noch nicht alles tot ist. Das ich noch etwas von meinem Leben erwarte, dass ich noch Spaß haben will, Abenteuer erleben will, einfach nur tun und lassen können will, wozu mir gerade der Sinn steht. Kannst du das nicht verstehen? Wenigstens ein kleines Bisschen?“

„Ich muss erst einmal all deine Neuigkeiten verdauen. Mir ist beinahe schwindlig davon. Ich erkenne dich kaum wieder.“

          Als Gil an diesem Abend nach Hause kam, saß ihr Malcom bereits wie jeden Tag, vor dem Fernseher, die Füße auf dem Wohnzimmertisch, und wie immer mit einer Flasche Bier in der Hand. Er bemerkte nicht einmal, als Gil das Zimmer betrat.

„Hallo Schatz, na, hattest du einen schönen Tag?”, fragte Gil, als sie auf Malcom zuging, um ihm einen Kuss auf seine nach alten Zigaretten riechende Stirn zu geben.

„Geht so. Wusstest du, dass unsere verdammte Regierung gerade beschlossen hat, in einem Eilverfahren nun doch das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung beschließen zu können? Diese Banditen! Diese gottverdammten Gangster. Die gehören alle nach Sibirien in ein Arbeitslager, damit sie wieder zu Verstand kommen.“

Malcom konnte sich immer mächtig aufregen, wenn es um Politik ging. Da diskutierte man besser nicht mit ihm.

„Wir haben doch nichts zu verbergen. Uns kann das doch egal sein.“

„Darum geht es doch gar nicht, du Dummerchen. Es geht darum, dass wir Bürger immer mehr kontrolliert und ausspioniert werden sollen, während die Politgangster tun und lassen können, was sie wollen. Und bei Bestechungsgeldern und Steuerhinterziehung, wird alles brav unter den Teppich gekehrt. Aber den kleinen Mann kriegen sie gleich am Arsch, den bestraft man schon für Peanuts. Aber davon verstehst du ja ohnehin nichts.“

Malcom wandte sich angewidert wieder seinem Fernseher zu und Gil kam augenblicklich das Gespräch mit Esther in den Sinn. War Malcom wirklich noch der Mann, den sie einmal so sehr liebte? Liebte sie diesen Mann tatsächlich noch so sehr, wie sie heute vehement behauptete?

Gil verließ schweigend, aber auch nachdenklich das Wohnzimmer. Sie ging in die Küche, um sich ein Glas Weißwein zu holen. Aber anstatt ins Wohnzimmer zurückzugehen, wie üblich, ging sie in die erste Etage in ihr Nähzimmer und setzte sich in ihren kleinen Luis Philippe Sessel, den sie einst vom Sperrmüll mitgenommen hatte. Da der Polsterstoff verschlissen und dreckig war, ließ sie den antiken Stuhl mit einem modernen Jacquardstoff beziehen. Sie liebte diesen Sessel. Nachdem sie den ersten Schluck getrunken hatte, stand sie wieder auf und lief auf leisen Sohlen in das Erdgeschoss, um das tragbare Telefon vom Flur zu holen. Malcom stierte weiter in den Fernseher, beteiligte sich an der dortigen Diskussion, als ob sie ihn hören könnten.

Sie wählte die Nummer ihrer Freundin und wartete eine Weile. Esther hatte das Klingeln nicht gleich gehört, weil sie gerade in der Küche herumwurschtelte. Gerade wollte Gil auflegen, als Esther den Hörer abnahm.

„Sieh an, sieh an, ist etwas passiert? Ist Malcom von der Couch gefallen?“

„Bitte Esther, lass diesen Sarkasmus. Sonst lege ich sofort wieder auf. Mir steht gerade echt nicht der Sinn danach.“

Jetzt realisierte Esther die Verzweiflung in Gils Stimme.

„Ja, sorry my dear, du hast recht. War blöd von mir. Entschuldige bitte.“

„Schon gut, schon vergessen.“

„Was ist los Gil, warum rufst du mich an. Wir haben uns doch erst gesehen.“

Gil schwieg einen Moment, denn sie hatte einen ganz dicken Kloss im Hals. Sie hätte am liebsten heulen wollen.

„Gil, was ist los? Muss ich mir ernsthaft Sorgen machen?“

„Du hattest recht, recht mit allem.“

Gil musste wieder schlucken. Sie hätte am liebsten wirklich einfach nur losheulen wollen.

„Was hältst du davon, wenn wir heute Abend zusammen essen gehen? Ich werde auch meinen Sarkasmus im Garderobenschrank zurücklassen, okay?“

„Danke Esther. Wo wollen wir uns treffen?“

„Ich hol´ dich in einer halben Stunde ab. Ist das Okay für dich?“
„Ich freue mich. Bis dann.“

Nachdem Gil aufgelegt hatte, ging es ihr schon wieder besser. Sie ging zu Malcom ins Wohnzimmer, der bereits eine neue Flasche Bier geöffnet hatte und immer noch vor dem Fernseher weilte und heftig mitdiskutierte.

„Ich gehe heute Abend nochmal fort.“

Empört stellte Malcom demonstrativ seine Bierflasche auf den Tisch und schaute sie fragend an.

„Wo willst du denn hin?“, fragte Malcom vorwurfsvoll.

„Ich treffe mich noch mal mit Esther. Sie will mir was Wichtiges erzählen.“

„Und das konnte sie nicht heute Nachmittag tun?“ fragte Malcom nun leicht verärgert. Er mochte Esther wegen ihrer neuerlichen Leichtlebigkeit nicht und weil sie immer so direkt war. Doch bisher gab es keinen triftigen Grund, seiner Gil den Umgang mit ihr zu untersagen. Doch er arbeitete bereits daran, genau das ändern zu wollen.

„Wo trefft ihr Euch?“, wollte er wissen.

„Sie kommt gleich und holt mich ab. Ich weiß noch nicht, wann ich zurück sein werde. Warte also bitte nicht auf mich.“

Gil war bereits im Gehen, als Malcom plötzlich aufsprang und sie entsetzt anschaute.

„Wieso weißt du nicht, wann du wiederkommst. Ist da etwa ein Kerl im Spiel?“

„Wird nicht albern bitte. Esther hat derzeit einige Probleme, über die sie nochmals mit mir sprechen will. Weiter nichts“, log sie.

Gil ließ den verdutzt schauenden Malcom stehen und ging nach oben in ihr Schlafzimmer, um sich etwas Frisches anzuziehen und sich neu zu schminken. Danach betrachtete sie aufmerksam ihr Spiegelbild von allen Seiten, tastete ihre Falten vorsichtig ab. Wie tief sie schon waren, stellte sie mit Schrecken fest und rückte dem Spiegel noch näher auf die Pelle. Dann zog sie rechts und links die Wangen nach hinten. Plötzlich sah sie um zehn Jahre jünger aus.

„Vielleicht sollten wir uns liften lassen“, sprach sie zu ihrem Spiegelbild.  

„Was hältst du davon? Dann finde ich vielleicht auch einen Liebhaber, der mein Sohn sein könnte.“

Sie gab ihrem Spiegelbild einen Kuss und musste schmunzeln. Es läutete und Gil musste das Gespräch mit ihrem Spiegelbild bedauerlicherweise abbrechen.

„Wir sprechen später weiter, okay, aufgeschoben ist nicht aufgehoben, verstanden?“  Gill musste über sich selbst lachen und verließ kichernd das Badezimmer.

„Hi Gil, bist zu fertig?“

„Ja, lass uns gehen. Ciao Malcom, hab´ einen schönen Abend.“

„Bleib nicht zu lange, ja“, rief Malcom zurück.

„Und, was hat dein Göttergatte gesagt, dass du heute Abend nochmal verschwindest und das auch noch ausgerechnet mit mir, seiner Lieblingsfreundin?“

„Na klar, das missfällt ihm ganz und gar. Er wollte wissen, wann genau ich zurück sein werde. Der spinnt doch wohl, ich bin doch nicht seine Tochter, der er eine Uhrzeit mitgeben kann.“

„Bravo, bravo, das kleine Mädchen wird erwachsen.“

„Ich dachte, du wolltest deinen Sarkasmus im Kleiderschrank zurücklassen?“

„Ja, sorry, aber es macht so einen unbeschreiblichen Spaß. Das solltest du auch mal probieren, dir so einen kleinen Sarkasmus zuzulegen. Das macht das Leben echt leichter, wirklich.“

Sie fuhren erst ein wenig herum, weil sie sich noch nicht einig werden konnten, wo sie eigentlich hinwollten. Dann schlug Esther ihr vor, nach Ringwood in den The Star Inn Pub zu fahren. Ein Pup, in dem man kaum fürchten musste, Leute aus ihrer Ecke anzutreffen und wo man gemütlich eine Kleinigkeit essen und vor allem, in Ruhe quatschen konnte.

„Das ist eine gute Idee. Aber ist das nicht zu weit für einen Abend?“

„Unsinn Gil, ich hab doch ein superschnelles Pferd unter meinem Hintern.“

Auf der Fahrt schwiegen beide eine Weile, jeder hing seinen Gedanken hinterher und Esther musste sich ohnehin auf die schmale Straße konzentrieren. Hier konnte jederzeit ein Hund, ein Fuchs, ein Schaf oder auch schon mal ein Pferd, dass aus dem nahe gelegenen New Forest ausgebückelt war, plötzlich auf der Straße erscheinen. Sobald es dunkel wurde, musste man verdammt aufpassen.

Als sie dort ankamen, war der Pup ganz gut besucht. Doch kaum hatten sie das Lokal betreten, stand just in dem Moment ein junges Paar auf, die in einer kleinen Ecke an einem Zweimanntisch gesessen hatten. Schnell schlängelten sie sich um die herumstehenden Männer, die mit ihren Biergläsern an der Bar standen, herum und ergatterten den avisierten Tisch.

„Das war Glück. Schau mal, wie viele Leute noch reinkommen und einen Tisch suchen. Gut gemacht, Esther.“

„So, nun aber mal zu dir. Was war nun wirklich los, weshalb hast du mich angerufen? Nicht das ich mich nicht darüber gefreut habe, aber ich habe mir ernsthafte Sorgen gemacht, weil ich den Eindruck hatte, dass du kurz davor warst, zu heulen.“

„Wie gut du mich in der Tat schon kennst. Ich hätte wirklich heulen wollen. Du hattest recht, mit allem, was du heute Mittag über Malcom gesagt hast. Alles stimmt.“

Und wieder musste Gil gegen die Tränen ankämpfen.

„Schätzchen, lass es raus, heul, es sieht dich hier in der dunklen Ecke sowieso niemand. Ich sitze zudem auch noch vor dir. Lass die Wut erst mal raus, dann wird es dir gleich besser gehen.“

„Ach Esther, du glaubst ja gar nicht, wie mich das alles schon lange ankotzt, jeden Tag sein miesepetriges Gesicht ertragen zu müssen. Dann seine penetrante Gleichgültigkeit mir gegenüber. Wenn er etwas im Fernsehen sieht, oder er mir was erzählt oder mich was fragt und ich dann Stellung beziehe,  vielleicht anderer Meinung bin, dann nennt er mich grundsätzlich ein Dummerchen, oder ich würde spinnen, wenn ihm meine Antwort nicht passt. Es kotzt mich nur noch an, er kotzt mich nur noch an, dieser abgehalfterte Penner.“

„Wow, das war jetzt aber eine aufgestaute Wut, die sich gerade entladen hat. Bravo. Du bist dabei, endlich die Scheuklappen abzusetzen.“

„Letzte Woche sagte ich beim Essen, ich müsse mir einen Termin beim Frauenarzt machen, weil ich seit einiger Zeit immer mal wieder so eine seltsame Schmierblutung habe. Meine Menopause ist ja schon lange vorbei.“

„Und was hat er gesagt?“

„Nichts.“

„Wie jetzt nichts?“

„Nichts, er hat einfach weiter gegessen und mm gebrummt, das war alles. Er hat nicht gefragt, oh Schatz, denkst du, dass könnte was Schlimmeres sein oder so. Nichts, es hat ihn überhaupt nicht interessiert, diesen Egomanen.“

„Wieso, was ist los mit dir? Denkst du, es könnte Krebs sein?“

Esther war aufrichtig geschockt. Sie wollte auf keinen Fall ihre einzige und beste Freundin verlieren, hat sie doch noch so viel mit ihr vor. Sie weiß es nur noch nicht.

„Und wann hast du einen Arzttermin?“

„In drei Wochen, früher ging es nicht. Würdest du mit mir mitgehen?“

Gil war es offenbar sehr wichtig, dass sie nicht alleine zum Arzt gehen musste. Nicht in dieser Situation.

„Ist doch klar, ich lasse dich doch nicht alleine gehen. Du weißt ja, dass ich deinen Malcom, diese Trandüse noch nie leiden konnte. Mach endlich Schluss mit dieser Schmierenkomödie einer Ehe.“

„Ich trau mich das noch nicht. Aber wenn Malcom so weiter macht, wird es sicher nicht mehr lange dauern, bis ich all meinen Mut zusammenraffe und es so mache wie du.“

„Und warum willst du noch mehr deiner sehr kostbaren restlichen Lebenszeit mit diesem Ego verdaddeln?“

„Wie soll es dann weitergehen, Esther. Wovon soll ich leben, wo soll ich wohnen. Von meinem kleinen Halbtagsjob kann ich mir kein eigenes Leben leisten.“

„Zuerst kommst du mal zu mir. Dann suchst du dir in aller Ruhe einen vernünftigen Job oder wir beide machen was gemeinsam, was hältst du davon? Ich hab da nämlich schon eine Idee.“

„Und was würde Dave dazu sagen, wenn ich plötzlich bei euch einziehen würde?“

„Ich meinte, bei MIR einziehen. Nicht in unserem Haus, sondern in meine Wohnung.“

„Dann hast du dich bereits von Dave getrennt? Ich dachte, das wolltest du erst machen?“

„Ja, Dave weiß noch nicht, dass ich bereits eine neue Wohnung habe. Ich ziehe Stepp by Stepp heimlich um. Er hat bisher noch nichts gemerkt. Ich sage es ihm erst, wenn alles erledigt ist.“

„Findest du das nicht etwas unfair.“

„Doch schon, aber ich will keine langen Diskussionen und keine emotionalen Ausbrüche erleben. Dem gehe ich somit aus dem Weg.“

„Man Esther, wo nimmst du bloß all diese Energie her und die Ideen? Was ist das für eine Idee?“

„Das erzähl ich dir beim nächsten Mal, denn ich muss noch einige Dinge klären.“

„Und was ist das, was du planst?“

„Warts ab, du wirst es bald erfahren, versprochen, aber nicht heute. Ich muss erst noch was klären, aber dann erfährst du es natürlich als Erste.“

„Na, da bin ich aber gespannt. Der arme Dave, irgendwie tut er mir jetzt schon leid. Das hat er eigentlich nicht verdient.“

„Ich denke, Maureen wird ihn sicher nach Kräften trösten.“
Sie konnte nicht verhindern, dass ihr ein gehässiger Lacher entwich.

„Glaubst du wirklich, dass an den Gerüchten über Maureen und Dave was dran ist, dass die beiden….“

Gil sprach nicht weiter.

„Aha, jetzt kommt es raus. Du wusstest also schon von den Gerüchten? Wieso hast du heute Nachmittag davon gefaselt, ob ich sicher sei, dass Dave eine Geliebte hat, wenn du offensichtlich bestens im Bilde bist? Aber soll ich dir was sagen, es macht mir nicht die Bohne, ich bin Maureen, wenn es stimmen sollte, eher dankbar, denn dadurch hat sie mir ein großes Problem, eine Auseinandersetzung mit Dave abgenommen. Eigentlich kann ich überhaupt nicht glauben, dass ich mit diesem Mann so lange schon verheiratet bin. Du meine Güte, er ist mir in den letzten Jahren so fremd geworden, wie jemand, der mir zufällig auf der Straße über Weg läuft. Ist das nicht seltsam?“

„Das glaube ich dir nicht. Ihr wart sehr lange sehr glücklich. Das kann nicht nur Täuschung gewesen sein. Übrigens tut mir wirklich leid, dass ich heute Nachmittag nicht ehrlich zu dir war. Aber ich wollte mich auch nicht unbedingt an dieser Gerüchteküche beteiligen. Bist du mir böse?“

„Unsinn. Das verstehe ich doch. Aber du hast recht, wir waren mal sehr glücklich miteinander. Aber alles geht einmal zu Ende, auch die Liebe. So ist eben das wahre Leben.“

Dabei schaute Esther nachdenklich geworden in ihr Bierglas und überlegte wieder, wann ihre große Liebe eigentlich abgestumpft war, oder besser gesagt, auf der Strecke blieb?

„Worüber denkst du nach?“ riss Gil sie plötzlich aus ihren Gedanken.

„Ich dachte in der Tat gerade darüber nach, wie verliebt und glücklich wir tatsächlich einmal waren. Wir konnten zu Beginn beinahe keine freie Minute ohne den anderen sein. Und wie seltsam es ist, dass nichts mehr, aber auch wirklich überhaupt nichts mehr davon übrig ist.“

„Kürzlich habe ich einen tollen Spruch gehört. Es heißt, wenn die Liebe stirbt, ist es immer Nacht. Dann zündest du ein Streichholz an, aber es bleibt trotzdem dunkel“, zitierte Gil.

„Besser hätte ich das Ende unserer Liebe auch nicht beschreiben können.  In den letzten Jahren hatten erst die Kinder die Ehe zusammengehalten, dann blieb ich nur noch aus Mitleid bei Dave, weil er wegen seines Jobverlustes so schrecklich depressiv wurde. Wäre beides nicht gewesen, glaub mir bitte, wir wären bereits seit Jahren geschieden.“

„Wie viele Ehen mag es wohl wie unsere geben?“

„Lass uns nicht darüber nachdenken. Für uns beginnt ein neues Leben.“
Beide Frauen begannen zu lachen und mit den Männern an der Bar zu flirten, die sie ständig im Auge hatten, weil sie plötzlich so viel kicherten. Denn sie ließen sich mal so richtig über ihre Männer aus und das tat verdammt gut.

An diesem Abend kam Gil noch kritischer heim, noch nachdenklicher. Malcom würdigte sie keines Blickes, weil es bereits weit nach Mitternacht war, als seine Gil sich endlich mal wieder blicken ließ. Er zog abermals seine berühmt muffige Visage, die Gil sofort anwiderte. Malcom wollte ihr damit unmissverständlich zu verstehen geben, dass ihm ihre Alleingänge, zumal mit dieser schrecklichen Person Esther zusammen, überhaupt nicht passen und missfallen. Und natürlich wollte er sie für das später Heimkommen und ihren Alleingang bestrafen.

Dabei bemerkte er natürlich nicht, dass er damit selbst mehr und mehr an dem Ast sägte, auf dem er selbst saß. Denn all diese unerfreulichen Dinge zwischen ihm und seiner Gil, brachten Gil ihrem Ziel, ihn zu verlassen immer näher. Gil hatte weder Lust, sich sein dummes Gesicht, noch seine Vorwürfe anhören zu wollen und wollte auch keine Diskussion mit ihm führen. Also ging sie sofort nach oben ins Bad, um sich bettfein zu machen, danach ging sie sofort zu Bett. Als sie ihn Minuten später ins Zimmer kommen hörte, stellte sie sich schlafend.

Malcom schien begriffen zu haben, dass ihn seine miese Art nicht weiterbringen würde und versuchte es nun mit Freundlichkeit.

„Gil, Schatz, bist du noch wach? Ich will mich entschuldigen.“
Doch Gil rührte sich keinen Millimeter, versuchte ruhig und gleichmäßig zu atmen, um sich nicht zu verraten. Nun plagt dich wohl dein schlechtes Gewissen, sprach sie im Stillen zu Malcom.
Nachdem Gil offenbar schon schlief, ging er ungewöhnlich leise ins Bad, dann kroch auch er vorsichtig in sein Bett, um sie nicht zu stören. Soviel Rücksicht hast du seit Jahren nicht mehr auf mich genommen. Gil wusste, dass ihn jetzt sein schlechtes Gewissen plagte.

Genau deshalb fand er keinen Schlaf, so sehr er sich auch um Schlaf bemühte. Er wusste, dass er es in der letzten Zeit mit seiner Muffigkeit maßlos übertrieben hatte. Plötzlich überkam ihm ein großes Angstgefühl, dass er dabei war, seine Gil zu verlieren, falls er sie nicht schon längst verloren hatte. Da schwor er sich, in Zukunft alles anders zu machen.

Auch Gil konnte nicht wirklich schlafen, traute sich aber nicht, sich unruhig hin und her zu bewegen. Sie spürte, dass auch Malcom wach war und nicht schlafen konnte. Aber um nichts auf der Welt wollte sie jetzt mitten in der Nacht, oder besser gesagt, am frühen Morgen mit ihm irgendwelche ernsthaften Beziehungsgespräche führen.

Irgendwann schliefen beide dann doch ein. Der Wecker klingelte erbarmungslos um sechs Uhr dreißig. Gil musste raus aus den Federn, denn sie musste zur Arbeit. Nachdem Malcom in Frührente gegangen war, hatte sie wieder einen Halbtagsjob als Verkäuferin in einer kleinen Boutique für Damenmoden angenommen, der ihr sehr viel Freude machte. Leider war ihr Verdienst nicht so besonders. Aber mehr konnte die Chefin nicht zahlen, weil der Laden nicht so viel abwarf. Doch das war Gil damals egal gewesen. Sie wollte nur nicht den ganzen Tag mit Malcom im Haus herumhängen, wie ihr erst jetzt bewusst wurde.

Als Gil noch ziemlich schlaftrunken in Richtung Bad schlappte, roch es bereits im ganzen Haus nach Kaffee. Vorsichtig wagte sie einen Blick die Treppe runter und hörte Malcom in der Küche wurschteln.
Malcom wird doch nicht etwa Frühstück machen, das wäre ja das erste Mal wieder seit mindestens, sie musste einen Augenblick überlegen, ja seit wann eigentlich, ich glaube seit etwa fünfzehn Jahren. Es geschehen doch noch Wunder, falls ich mich nicht täusche.

Schlagartig war sie hellwach und begab sich beschwingt ins Bad. Sie wusste nun, sie war auf dem richtigen Weg, sie hat endlich begonnen, sich nichts mehr von Malcom gefallen zu lassen. Und das schien ihm witzigerweise offenbar gut zu tun. Als sie ihr Bad betrat, schaute sie zuerst einmal in den Spiegel.

„Siehst du meine Liebe, Esther hat recht. Man muss den Kerlen irgendwann mal die rote Karte zeigen und ihnen klarmachen, dass man auch ohne sie leben kann. Wahrscheinlich sogar besser als mit ihnen, diesen Trandüsen, wie Esther sie nennen würde. Da stimmst du mir doch zu oder nicht“ sprach sie erneut mit ihrem Spiegelbild, als sei es eine andere Person.

„Übrigens, einen wunderschönen guten Morgen meine Liebe. Hab ich dir eigentlich heute schon gesagt, du siehst echt scheiße aus, etwas zerzaust, aber sonst noch immer ganz attraktiv. Aber eine Dusche würde dir sicher gut tun. Also husch, husch, ab unter die Dusche mit dir.“

Gil musste herzhaft lachen, weil sie jetzt schon Selbstgespräche mit ihrem Spiegelbild führte. Man wird mich in die Klapse einweisen, wenn das jemand mitbekommt, dachte sie bei sich.

Nach der Dusche zog sie sich besonders chic an, schminkte sich  perfekt, wie sie es schon viele Jahre nicht mehr getan hatte und betrachtete am Ende genüsslich ihr vollendetes Werk im Spiegel.

„Na, sag schon, wie gefalle ich dir. Seh´ ich gut aus?“ fragte sie gerade wieder ihr Spiegelbild, als die Antwort von der Tür her an ihr Ohr drang. Gil fuhr erschrocken herum.

„Man hast du mich erschreckt!“

„Ja, du siehst gut aus, zu gut. Was ist los mit dir Gil? Gibt es einen anderen Mann in deinem Leben?“
Gil stand immer noch vor ihrem Spiegel und war wie gelähmt. Sie wähnte Malcom noch in der Küche. Doch schnell fing sie sich wieder und richtete erneut demonstrativ ihr Haar, obwohl es bereits perfekt saß.

„Gil bitte, sei ehrlich zu mir, gibt es einen anderen Mann.“

„Unsinn, es gibt keinen anderen Mann in meinem Leben, noch nicht, aber das kann sich sehr schnell ändern, wenn sich hier im Hause nicht ganz schnell etwas ändert. Und nenne mich nie mehr in deinem Leben Dummerchen und sage nie wieder, ich würde spinnen, nur weil ich nicht immer deiner Meinung bin, die manchmal sehr extrem ausfällt.“
Gil war vollkommen komplex über das, was ihr hier gerade so flott von der Zunge ging. Auf einmal fühlte sie sich großartig, toll, wie eine Frau, die genau weiß, was sie will. Wie Esther. Das machte sie augenblicklich sehr stolz.

„Hast du zufällig Frühstück gemacht, ich muss gleich los?“

„Ja, der Kaffee und dein Frühstück stehen unten auf dem Tisch. Gil, ich verspreche dir hoch und heilig, ich werde mich ändern. Ganz ehrlich, aber bitte, bitte, verlass mich nicht. Ich kann ohne dich nicht leben.“

„Ja, das sagen alle immer leichthin. Aber etwas dafür tun, dass eine Partnerschaft nicht zum Horrortrip wird, tun die wenigsten und dann wundern sie sich, wenn sie eines schönen Tages alleine bleiben.“
Sie ging lächelnd an Malcom vorbei, die Treppe runter zum Esszimmer und blieb abrupt stehen.

„Wo hast du denn die Blumen so schnell hergezaubert?, fragte sie verwundert.

„Ich hoffe, du bist nicht böse, aber ich habe sie gerade aus dem Garten geholt.“

„Wie nett von dir. Danke.“
Malcom fiel ein Stein vom Herzen, dass sie offenbar nicht mehr sauer war, weil er ihren ewig wohlbehüteten Garten angezapft hatte.

Schnell aß Gil ihren Tost und das Ei, dass er ihr genau auf den Punkt zubereitet hatte, nippte mehrfach an ihren Kaffee, dann musste sie los.

„Also Malcom, ich muss los, wir können später weiterreden und du kannst dir mal überlegen, was du ändern willst, ernsthaft ändern willst. Leere Versprechungen brauche und will ich nicht mehr hören.“

Noch bevor Malcom, der gerade den Mund öffnete, um noch etwas Nettes zu sagen, zu Wort kommen konnte, war Gil schon durch die Haustür entschwunden und bestieg beschwingt und fröhlich ihren Wagen. Malcom stand noch eine Weile im Türrahmen und sah ihr ängstlich nach, als wäre es das letzte Mal, dass er sie sah.

Nun konnte Gil es gar nicht mehr erwarten, in den Laden zu kommen. Sie war ja vormittags alleine dort: Ihre Chefin kam nur nachmittags, also konnte sie in Ruhe telefonieren. Sie musste unbedingt Esther von Malcoms seltsamer Wandlung berichten, ohne zu ahnen, dass diese Nachricht so gar nicht in Esthers Zukunftsplanung passte.

Die Entscheidung

Und Sie sind sich sicher, dass Sie das hier machen wollen?

„Ja, ganz und gar. Davon träume ich schon viele Jahre. Aber ich hatte bisher nie den Mut und auch nicht die Gelegenheit. Aber jetzt, jetzt will ich es, und nichts kann mich mehr aufhalten.“

„Na, dann freue ich mich, dass wir uns einig sind. Sie müssen hier unten unterschreiben.“

Esther unterschrieb den Kaufvertrag, der später noch notariell beglaubigt werden musste und freute sich schon, Gil damit zu überraschen.

            „Wenn sie Hilfe benötigen oder irgendetwas brauchen, Sie können mich jederzeit anrufen.“

„Vielen Dank, das ist sehr nett von Ihnen. Ich melde mich, wenn es Fragen gibt.“

„Na, dann kann ich Ihnen nur gratulieren und viel Glück und Erfolg wünschen.“

Die Maklerin stieg in ihren Range Rover und fuhr zurück in ihr Büro.

Echter Frauenroman – Frauenpower – Für Männer nicht geeignet!

Diesen echten Frauenroman, dürfen MÄNNER NICHT lesen !

Nur Frauen sollten ihn lesen und genießen!

„Gil, wer sagt, dass wir die Männer brauchen?“

Dritte Leseprobe:

Am nächsten Morgen hatte Dave das Frühstück gemacht und versuchte höflich zu bleiben, obwohl es ihm sichtlich schwer fiel.

„Komm spuck es aus.“

„Was? Was soll ich ausspucken?“

„Was du mir gerne an den Kopf werfen willst. Und erzähl mir jetzt nicht, dass du nicht immer noch sauer bist, weil ich mich gestern verdünnisiert habe und du im Gästezimmer schlafen musstest.“

„Du hast dich nicht nur schamlos vom Acker gemacht, sondern mich auch noch ausgesperrt, ausgesperrt aus unserem gemeinsamen Schlafzimmer.“

„Ich war schrecklich müde und wollte schlicht nicht gestört werden.“

„Wieso warst du eigentlich so sauer über mein Gedicht? Es war doch eine Liebeserklärung, die ich dir machte und du hast mich wie einen Idioten aussehen lassen. Im Übrigen hat keiner wirklich  verstanden, wieso du deshalb so sauer reagiert hast.“

„Die Männer, meinst du wohl, konnten meine Reaktion nicht verstehen. Weil euch Männern einfach das Einfühlungsvermögen in andere Menschen abgeht.“

„Was genau willst du damit sagen?“

„Nur, dass ihr Männer ein Einfühlungsvermögen wie ein Ambushammer habt.“

„Dann sprich mit mir, sag mir, was genau du beleidigend fandst? Was?“ schrie Dave nun beinahe vor Wut.

„Nur eins zum Beispiel, dann hab ich keine Lust mehr weiter drüber nachzudenken. Zum Beispiel……..“

 

Daraufhin wurde Dave sehr wütend und verließ aufgebracht das Haus. Sie hatte noch mitbekommen, dass er offenbar mit jemandem telefonierte. Allerdings bekam Esther nur kleine Fetzen mit, da Dave wie aufgezogen wütend im Flur auf- und ablief, während er sprach. Das einzige, was sie genau verstand war, das er zu dieser Person sagte, sie habe ihn gelinkt. Was er wohl damit meinte? Das hätte Esther doch zu gerne gewusst.

 

Sie stand noch einen Moment lang am Fenster, sah wie Dave sehr erregt davonbrauste und fragte sich, wie es wohl anderen Frauen nach so vielen Ehejahren ergehen würde. Lebten sie auch nur noch nebeneinander her? Hatten sie überhaupt noch Sex? Da fielen ihr wieder Maureens Worte ein, als sie sagte, wie froh sie wäre, wenn ihr Mann Keith sie überhaupt noch wahrnehmen würde.

Ich bin mir da ziemlich sicher, dass bei den beiden im Schlafzimmer absolute Flaute herrscht. Da verwette ich meinen Hintern für. Ob die Natur das so gewollt hat oder hat uns dieses monotone Eheleben die Kirche irgendwann eingebrockt? Vielleicht sind wir ja gar nicht für die Monogamie geschaffen?

Während sie vom Fenster aus in den Garten und auf das Chaos dort unten schaute, fiel ihr ein Bericht ein, den sie erst kürzlich gelesen hatte. Es ging um das Thema Monogamie, und das die Monogamie eigentlich totaler Unsinn sei. Und das die romantische Vorstellung der ewigen Liebe zwar ein schöner Gedanke, ein wunderschöner Wunsch, ein schöner Traum, biologisch gesehen jedoch der totale Unsinn sei. Die Natur habe es nun einmal so eingerichtet, dass männliche Wesen durch ihre natürlichen Voraussetzungen davon angetrieben seien, sich mehrmals fortzupflanzen. Und Frauen sind auf der Suche nach dem besten Gen für ihre Nachwuchs.

Esther dachte eine Weile über diesen Artikel nach. Klar, gibt es natürlich Ausnahmen, dass Paare ein Leben lang zufrieden miteinander leben können. Die arrangieren sich dann irgendwie. Aber hat das noch etwas mit Liebe zu tun, von Sex oder gutem Sex will ich da gar nicht erst sprechen. Wenn ich da an meine Eltern denke. Aber glücklich? Nein glücklich sieht für mich anders aus. Nein, das will ich nicht. So zu leben, wie meine Eltern, bis ich in die Grube fahre, nein, das ist für mich keine Option, sprach sie in Gedanken vor dem Fenster zu sich selbst und beobachtete dabei eine Katze, die gerade um den kleinen Goldfischteich ihres Nachbarn schlich.

„Lass dich nicht von meinem Nachbar dabei erwischen Kätzchen. Da versteht der Bastard keinen Spaß mehr, kleine Mieze“ rief sie laut der Katze entgegen.

 

Beim Wegräumen das Frühstücksgeschirr versuchte sie sich auf etwas Schöneres zu konzentrieren, was ihr jedoch nicht wirklich gelang. Ihre Gedanken kreisten unablässig um die Frage, ob es in anderen Ehen auch irgendwann zu einem derartigen Ende kommen würde. Sie ging zurück ins Wohnzimmer zu ihrer Couch, streckte sich lang aus und lies den gestrigen Abend Revue passieren. Sie schnappte sich ihren Stoffhund vom Sofarand, wo er seinen angestammten Platz hatte, hielt ihn über sich und schaute ihm in seine schwarzbraunen Knopfaugen.

„Vielleicht haben ja andere Frauen genau wie ich, eigentlich keinerlei Ahnung von den heimlichen Wünschen, den Träumen- und Gedankenwindungen ihrer Männer? Genauso wenig, wie die Männer offenbar verstehen, wonach wir Frauen uns tatsächlich sehnen. Was in ihren so kühlen Köpfen in Wirklichkeit herumspukt? Welche Geheimnisse sie vor ihren eigenen Ehefrauen über Jahre verbergen können, wie man immer wieder liest. Aber wieso geschieht das alles? Waren nicht alle Paare irgendwann mal schrecklich verliebt und hatte man sich nicht geschworen, sich immer alles zu sagen, immer ehrlich miteinander umzugehen?“ fragte sie ihren Stoffhund, einer relativ großen Cocker King Charles Nachahmung. Nachdenklich starrte sie in seine Kulleraugen, während noch mehr Fragen auftauchten.

„Verlieren wir vielleicht die Sensibilität für Realitäten in der Routine einer Ehe? fragte sie ihn, als könne der Stoffhund ihre Fragen beantworten.

„Und kannst du mir mal sagen, wieso wir Frauen nicht in der Lage sind, unsere sexuellen Wünsche auch bei unserem Ehemann richtig zu kommunizieren? Wieso schaffen wir es meistens nicht, unsere heimlichen Wünsche mit Nachdruck zu fordern? Vielleicht würden dann die meisten Ehen nicht in dem täglichen Einerlei oder der Scheidung enden? Aber was hat Dave bloß veranlasst, so ein Gedicht zu schreiben? War es vielleicht eine Art heimliche Rache, weil auch er sich sexuell von mir nicht verstanden fühlt, sich sexuell langweilt, genau wie ich? Vielleicht haben wir auch einfach viel zu jung geheiratet und Kinder bekommen. Was hatten wir denn schon großes bis dahin erlebt? Nichts, eigentlich nichts Weltbewegendes. Aber was um alles in der Welt hatte er sich nur dabei gedacht, ausgerechnet an meinem fünfzigsten Geburtstag so etwas vor all unseren Freunden vorzulesen? Und dann noch zu glauben, dass ich mich darüber freuen würde. Warum hat er nicht einfach mal mit mir gesprochen? Hey Charlie, sag, warum haben wir nicht mal über unsere Beziehung gesprochen? Du hast das gut, kleiner Hund, du musst dich nicht mit solchen Fragen quälen.“

Sie legte den Hund wieder auf seinen angestammten Platz zurück und stand auf, ging in die Küche, um sich ein Glas Sekt einzuschenken.

Außer Lynn Paddy schien niemand den Frust gespürt zu haben, der sie in diesen Moment begleitete, sie fest umklammerte, sie schier lähmte, als Dave diese schrecklichen Zeilen zum Besten gab.

Er hat alles kaputt gemacht, dachte sie. Sie ging zurück zur Couch und starrte an die Decke. Eine Menge Bilder tauchten jetzt vor ihr auf und Esthers Gedanken liefen ein weiteres Mal mit ihren Gefühlen, die sich gerade im Chaos befanden, um die Wette. Schmerzlich erinnerte sie sich jetzt wieder an die wundervolle Zeit, als sie Dave das erste Mal begegnet war. Es war auf einer Party. Die Geburtstagsfeier ihrer besten Schulfreundin Laury, auf der auch viele ältere Jungs der Jungenschule eingeladen waren. Esther musste schmunzeln, als ihr die Erinnerungen an diesen Tag kamen.

Die Feier hatte bereits am frühen Nachmittag begonnen, Laurys Mama brachte freudestrahlend eine große Punschschale in den Garten, natürlich ohne Alkohol, wie sie extra betonte. Das hielt die Jungs jedoch nicht davon ab, kaum das Laurys Mama wieder ins Haus gegangen war, die mitgebrachten Rum- und Whiskyflaschen hervorzukramen und in den Punsch zu kippen.

Mein Gott, war ich damals betrunken von dem Zeug. Ich erinnere mich noch genau, dass ich alleine für mich nach der Musik von Mikel Jackson tanzte, als mich jemand in den Arm nahm und mich über den Rasen schleuderte. Jedenfalls kam es mir in meinem duseligen Kopf so vor, als schleudere mich Dave herum. Mein Gott, wenn ich daran denke, besonders, als plötzlich der Schmusesong der Bee Gees, All of my life erklang und Dave mich dicht an sich herandrückte, seine linke Hand auf meinen Po legte und wie ich seine Erregtheit spüren konnte. Obwohl ich noch Jungfrau war, wurde ich feucht. Bei dem Gedanken an diesen himmlischen Moment, musste sie laut lachen. Ich weiß noch genau, wie sehr mein Herz schlug, als mein Kopf auf seiner Schulter den nötigen Halt fand, Dave mich zärtlich in seinen Armen hielt, wie sein warmer Atem meine Kopfhaut zum Kribbeln brachte.  Wo ist bloß diese Liebe geblieben, die uns beide an diesem Tag wie Amors Pfeil traf, die uns fest miteinander verband.

Träumend lag Esther immer noch auf der Couch, hing ihren süßen Erinnerungen nach, die heute so bitter schmeckten, wie eine Bittermandel, die keinerlei Gültigkeit mehr hatten. Und sie dachte darüber nach, wie dumm es war, gleich den erstbesten Mann, in den sie sich verliebte, zu heiraten.

 

Ihre Geburtstagfeier lag nun eine knappe Woche zurück. Seit jenem Tag hatte sich etwas in ihr verändert. Etwas war zerbrochen, unwiederbringlich zerstört. Nichts würde mehr so sein, wie zuvor, das spürte Esther jetzt mehr denn je.

Einige Tage nach ihrer  Geburtstagsfeier traf sie sich, wie üblich, mit ihrer liebsten und besten Freundin Gil in ihrem Stammcafé. Gil ist eigentlich auch gleich die einzige und wirkliche Freundin, die sie hat, wenn sie ehrlich war. Viele ihrer sogenannten Freunde brüsten sich ständig damit, wie viele Freunde sie haben, wie busy sie laufend sind, hier eine Einladung und dort eine Einladung, hier eine Party und dort eine Party. Und natürlich müssen dann auch die Gegeneinladungen ausgesprochen werden. Doch in Wirklichkeit waren es nur Oberflächlichkeiten, oberflächliche Bekanntschaften, aber sicher keine Freundschaften.

Eine gemeinsame Freundin, oder sollte sie besser sagen, Bekannte, diese unerträgliche Moira, pflegte immer gerne zu betonen, wie schrecklich, ach ja, wie furchtbar schrecklich es sei, so viele Freunde zu haben. Von wegen Freunde, dachte sie damals schon. Ständig ist man unterwegs oder hat selbst das Haus voll. Aber naja, das sei eben der Preis, für so viele liebe Freunde.

Ha, dass ich nicht lache, hatte Esther im Stillen gedacht, die und beliebt, diese Angebertussi. Die merkt doch die Einschläge überhaupt nicht mehr. Diese sogenannten Freunde tun doch in Wirklichkeit nichts anderes, als sich gegenseitig vorzuführen, was sie sich wieder alles Neues angeschafft haben, oder damit zu prahlen, wo sie im Sommer den Urlaub verbringen werden, von Dubai, bis zu den Virgin Islands, Kanada auf Bärenjagd gehen oder den Tafelberg in Südafrika bewandern.

„Ich kann überhaupt nicht mehr in Worte fassen, wie mir diese Oberflächlichkeit und Angeberei dieser Leute auf den Nerv geht“,  hatte Esther unlängst mal zu Maureen gesagt, die auch mit ihren Freunden permanent wie ein Sack Flöhe auf den Putz haute.

 

Gil hatte sofort bemerkt, dass mit ihrer Freundin etwas nicht stimmte. Das sie verändert war.

„Esther, warum bist du so schrecklich angepisst von den Männern?“ fragte Gil schockiert, die immer wieder über die extremen Gemütsschwankungen ihrer Freundin in der letzten Zeit erschrak.

„Das fragst du noch? Schätzchen, komm du erst einmal in mein Alter, dann wirst du bald begreifen, dass Männer und Frauen über fünfzig einfach nicht mehr zusammen passen. Und eine Ehe nach vierundzwanzig Jahren meistens total verschlissen ist. Nichts mehr zu bieten hat, als puren Frust.“

Esther und Gil trafen sich in ihrem Stammcafé The Buttery Café Tea Rooms in der High Street von Lymington am Solent seit nunmehr dreizehn Jahren. Dort pflegen sie jeden Mittwochnachmittag ihre Freundschaft zu zelebrieren, um sich einmal pro Woche ihren Ehe- und Lebensfrust von der Seele zu reden, um nicht irgendwann daran zu ersticken.

Kennengelernt hatten sie sich vor knapp vierzehn Jahren in Milford on Sea, wo Esther in dem beliebten Restaurant Smugglers Inn als Kellnerin jobbte, sobald ihre Kinderlein sie nicht mehr so dringend benötigten. Schon damals lag ihr die Hausfrauenrolle wie ein Ziegelstein quer im Magen. Sie langweilte sich immer mehr und sehnte sich danach, wieder unter vielen Menschen zu sein. Inzwischen sind ihre Kinder längst erwachsen und bereits ausgezogen.

Beide studieren in London. Anfangs kamen sie noch jedes Wochenende nach Hause. Doch dann hatten sie immer neue Ausreden erfunden, weshalb sie am kommenden Wochenende nicht kommen könnten. Esther musste jedes Mal schmunzeln, wenn sich insbesondere ihre Tochter Katy bemühte, ihre Ausrede gut zu verpacken, gut rüberzubringen. Ben, ihr Sohn, ging das alles wesentlich cooler, wesentlich pragmatischer an. Er machte sich deshalb keinen Kopf. Er pflegte einfach kurz und knapp zu sagen: „Mum, am Wochenende komme ich nicht, hab was vor.“

Damit war für ihn der Fall erledigt.

Zu Beginn war Esther sehr traurig, wenn die Kinder nicht heimkamen. Doch natürlich verstand sie sie nur zu gut, da sie nun einmal flügge wurden, ihren eigenen Weg gehen wollten und natürlich auch sollten. In der Zwischenzeit hatte jeder von ihnen in London einen neuen Freundeskreis aufgebaut. Und was sollten sie auch Zuhause. Im Grunde war sie, wie sie sich selbst mehr und mehr eingestehen musste, recht froh darüber, wenn sie nicht auftauchten. Denn sie brachten ständig ihre schmutzige Wäsche mit, fraßen ihnen die Haare vom Kopf, leerten regelmäßig ihren gut gefüllten Kühlschrank, war ja auch billiger, als sich selbst Lebensmittel zu kaufen, oder trafen sich mit alten Freunden. Zuhause waren sie ja eigentlich auch nie, wenn sie da waren.

Für sie als Mutter bedeutete es jedoch jedes Mal Arbeit, Arbeit, Arbeit. Und Dankbarkeit der Kinder, Fehlanzeige. Zudem hinterließen sie auch nach jedem Besuch im ganzen Haus ein riesiges Chaos. Und davon hatte sie endgültig die Nase voll, sich ständig von ihren Kindern wie ihr persönliches Hauspersonal ausbeuten zu lassen.

Diese Selbstverständlichkeit, mit der ihre erwachsenen Kinder von ihrer Mutter erwarteten, ihre Wäsche über das Wochenende hinweg gewaschen zu bekommen, gebügelt und schrankfertig zurechtgelegt vorzufinden, ging Esther ohnehin schon eine ganze Weile mächtig gegen den Strich. Und dann das ständige hinterherputzen und aufräumen, ging ihr derweil schwer auf den Zoxs. Nie fragten sie nach, wie es ihr ginge, ob sie glücklich sei oder traurig, nichts, gar nichts interessierte ihre Kinder, wie es ihrer Mutter ging. Und genau das ärgerte Esther noch mehr. Sie wusste weiß Gott besseres mit ihrer freien Zeit anzufangen, als jedes Wochenende Hotel Mama zu spielen.

Eigentlich war Esther gelernte Geburtshelferin. Doch dieser Beruf weckt schmerzliche Erinnerungen, die sie seit vielen Jahren erfolgreich verbannt. Damals lebten sie noch mit ihren beiden Kindern in Milford on Sea. Dann passierte das schreckliche Unglück bei der Geburt der Zwillinge ihrer Cousine. Danach hing Esther ihren Job an den Nagel. Sie kam lange nicht darüber hinweg. Und dann verlor Dave auch noch seinen Job. Nach beinahe sechzehn Jahren als erfolgreicher Handelsvertreter für Reitsportartikel.

Überall kriselte es heftig und so machte die Krise auch vor seiner Firma nicht halt. Sein Chef sah sich gezwungen, sein Unternehmen zu verkleinern. Es ist ihm weiß Gott nicht leicht gefallen, sich von seinen guten Leuten zu trennen. Doch er hatte keine Wahl. Heute betreibt er nur noch ein kleineres Ladenlokal mit seiner Ehefrau Henna zusammen. Auch für Dave begann eine schwere Zeit, da er mit sechsundvierzig Jahren nur schwer einen neuen Job finden würde. Die zahlreichen Absagen, die ihn Woche für Woche erreichten, ließen ihn immer mehr zum Alkohol greifen. Als könnte er damit seine Sorgen ertränken. Doch dadurch wurde alles nur noch schlimmer.

Und Esther hätte sich eigentlich schon damals, gleich nach dem Auszug der Kinder scheiden lassen wollen. Jedenfalls kam ihr ab und zu schon damals der Gedanke, den sie dann aber schnell wieder verwarf. Die Ehe war zwar schon lange nicht mehr von Liebe geprägt, bestand in Wirklichkeit nur noch auf dem Papier, denn alles war dem Alltag gewichen. Routine hatte sich eingeschlichen. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollten. Lieber hielten sie diese leere Fassade aufrecht. Irgendwie fand sie nie den Mut, sich zu trennen.

„Aber wozu eigentlich? Für Wen?“ hatte sie sich später gefragt.  „Sex, ach ja Sex. Was war das noch gleich?“ hatte sie  einmal scherzhaft ihre Freundin Gil gefragt, die daraufhin etwas schockiert reagierte.

„Esther, müssen wir jetzt über Sex sprechen?“ empörte sich Gil.

„Ja, sorry Darling, aber ich kann mich leider wirklich kaum noch an das letzte Mal erinnern, als ich mit Dave Sex hatte, geschweige guten Sex. Und wenn wir mal miteinander schliefen, was in den letzten Jahren selten genug vorkam, schien es für Dave nur eine Art Ventil zu sein, reine Selbstbefriedigung. Auf meine Gefühle nahm er überhaupt keine Rücksicht mehr.“

„Esther, ich will das nicht hören. Euer Sexleben geht mich doch nun wirklich nichts an.“

„Ich will aber darüber reden. Ich muss es mal rauslassen, sonst ersticke ich daran. Weißt du, bevor ich richtig feucht wurde, war er schon wieder fertig, drehte sich erschöpft zur Seite, ließ als Zeichen seiner Zufriedenheit und Zuneigung, seine Hand in meinem feuchten Schoß liegen, dann schlief er meistens sofort schnarchend ein. Weißt du wie man sich danach fühlt?“

Gil verdrehte die Augen. Sie errötete sogar bei dieser Erzählung. Ihr war das Gespräch ausgesprochen peinlich.

„Nein, das weiß ich nicht und will es auch gar nicht wissen. Warum redest du nicht mal mit Dave darüber?“

„Und was soll das deiner Meinung nach bringen?“

„Das weiß ich nicht, aber alle reden immer davon, dass Ehepartner irgendwann nicht mehr genügend miteinander reden und lieber alle Probleme runterschlucken. Und das sei falsch.“

„Wie ist denn euer Sex? Ich kann mir Malcom beim allerbesten Willen nicht als wilden Liebhaber vorstellen.“

„Bitte Esther, hör auf, ich will nicht, dass du so über Malcom sprichst“, hatte sie damals wütend gesagt.

Oft hatte Esther nach dem Sex Daves Hand angewidert vorsichtig zur Seite gelegt und ging sofort duschen. Manchmal duschte sie eine halbe Stunde, um sicher zu sein, dass nichts mehr von ihm in ihr übrige blieb. Schon damals wünschte sie sich das eine oder andere Mal, Dave würde flüssig werden und auch im Abfluss verschwinden. Sie hatte einfach keinen Bock mehr auf schlechten Sex, weshalb sie sich Dave immer öfter verweigerte. Sie begann sich vor seinem Mundgeruch, seinem Körper, seinem Gestöhne zu ekeln. Seine lieblose, kalte und egoistische Verhaltensweise beim Sex konnte sie kaum noch länger ertragen. War es also ein Wunder, dass sich in ihr mehr und mehr Widerstand gegen diese Ehe manifestierte?  Sich der Wunsch nach einem eigenen Leben ohne Dave tiefer und tiefer in ihre Seele brannte?

Doch sollte sie Dave nach vierundzwanzig Jahren Ehe in der Krise im Stich lassen? Nein, das konnte und wollte sie ihm dann nicht auch noch antun. Auch wenn sie sich in seiner Nähe nur noch unwohl fühlte. Doch hätte sie da schon gewusst, weshalb Dave beim Sex scheinbar nur seine ehelichen Pflichten zu erfüllen versuchte, dass nicht seine Arbeitslosigkeit, oder der Alkohol schuld daran war, dass er immer so schnell zum Samenerguss kam, sie  wäre längst schon geschieden.

Gil hatte überhaupt nicht bemerkt, dass sie seit geschlagenen zehn Minuten ihren Strohhalm in gleichmäßigen Bewegungen durch den Schaum ihres Latte Macciato rührte, während Esther sich mit wachsender Begeisterung in das Philosophieren über den Sinn einer Partnerschaft im Alter steigerte.

„Und was soll das Gerede, komm erst mal in mein Alter? Das meinst du doch nicht wirklich ernst? Uns trennen gerade einmal drei Jahre.“

„Natürlich meine ich das ernst, todernst sogar. Ich rede nicht direkt vom Alter in Jahren, sondern von der Geisteshaltung. Schau dich doch mal an. Sieht so eine glückliche Ehefrau aus?“

„Was ist bloß heute mit dir los? Warum greifst du mich so gemein an? Malcom und ich führen immer noch eine gute Ehe. Nur weil es bei euch nicht mehr funktioniert, musst du ja nicht alle anderen Ehen auch gleich in Frage stellen.“

„Ha, das ich nicht lache. Willst du mir wirklich weißmachen, dass du mit deinem dickbäuchigen, schwabbeligen, ständig nach Schweiß, nach altem Aschenbecher stinkenden Malcom noch glücklich bist? Der abends seinen Hintern nicht mehr von der Couch bekommt? Genau wie Dave. Der nur noch in die Glotze schaut?“

Gil fühlte, wie ihr die Zornesröte ihr Gesicht erhitzte. Am liebsten wäre sie aufgestanden und gegangen. Seit vierzehn Jahren kannten sie sich schon und noch niemals zuvor wurde sie von ihrer Freundin derart beleidigend niedergemacht. Zum ersten Mal seit vierzehn Jahren, seit sie sich hier im Buttery Café trafen, schien ihre Freundschaft ernsthaft ins Wanken zu geraten. So gemein, so unfair wurde sie noch nie zuvor von ihrer besten Freundin angegriffen. Niemals zuvor hatte sie Esther so aggressiv erlebt.

„Worüber denkst du gerade nach. Und sag mir jetzt nicht, du würdest nicht gerade an etwas Bestimmtes denken. Ich sehe es dir an. Ich hab recht oder?“

Siegessicher und entspannt lehnte Esther sich in ihrem Stuhl zurück und musterte Gil aufmerksam.

„Mein Gott Esther, warum bist du so gemein zu mir?“ fragte Gil, während ihr plötzlich schmerzlich bewusst wurde, dass ihre Freundin genau ins Schwarze getroffen hatte, was sie noch wütenden machte.

Irgendwie fühlte Gil sich plötzlich ertappt. Schuldgefühle übermannten sie schlagartig. Denn eigentlich wollten sie sich immer alles ehrlich sagen. Doch das Esther hier nicht ganz falsch lag, diese Genugtuung wollte Gil ihr dann doch nicht geben. Darum konterte sie schnell: „Komm lass den armen Malcom aus dem Spiel. Wir sind schließlich alle keine siebzehn mehr, keine Teenager. Dafür haben ältere Männer eben andere Qualitäten, als die jungen Kerle.“

„Wirklich? Na, dann klär mich mal bitte auf. Was haben alte Männer denn für tolle Qualitäten, im Gegensatz zu den jungen unkomplizierten männlichen Wesen mit ihren knackigen Hintern und ihren stählernen Körpern? Die oft charmant sind, unternehmenslustig, sportlich aktiv, spontan, sexy und meistens auch noch gute Liebhaber sind? Männer, die noch wissen, was Frauen wirklich glücklich macht. Na gut, ich gebe zu, viele über Fünfzigjährige sind heute noch gut drauf. Aber Frauen im Alter von Fünfzig sind oftmals mit Männern verheiratet, die gut zehn Jahre älter sind als sie selbst, oder noch älter. Und mit sechzig, was haben die old Daddys noch zu bieten?“

„Stimmt das eigentlich, was man sich im Golfclub erzählt?“ wechselte Gil schnell mit einem seltsam verschmitzten Lächeln das Thema.

„Wieso, was meinst du? Was erzählen denn die Spießer dort?”

Esther ahnte natürlich schon, worum es ging. Als sie mit Sammy in ihrem Wagen eine heiße Nummer schob, glaubte sie aus den Augenwinkeln heraus, kurz ein ihr bekanntes Gesicht erkannt zu haben. Sie dachte, die schlimmste Tratschtante des Clubs hinter einer Hecke gesehen zu haben. Aber was hatte sie dort zu suchen? Spioniert  mir diese Dörrpflaume Magret etwa hinterher, diese schreckliche Gouvernante? hatte sie noch gedacht. Bei dem Gedanken an diesen Tag, an diese Situation, musste sie schmunzeln. Gil schaute ihr verwundert in die Augen.

„Warum grinst du wie ein Honigkuchenpferd?“

„Ich musste gerade an was denken. Aber nun raus mit der Sprache. Was erzählt man sich denn im Club?“

„Das du ein Verhältnis mit, mit, na, du weiß schon, hast.”

„Nein, weiß ich nicht. Sag du es mir.“
Sie wollte Gil prüfen, ob sie tatsächlich den Namen kannte, oder versuchte, ihn ihr zu entlocken.

„Man erzählt sich, dass du in deinem Auto mit diesem Kerl Sex hattest.“

„Mit welchem Kerl soll ich angeblich Sex in meinem Auto gehabt haben? Komm Gil, sag schon, wer hat was gesagt?“

„Magret hat das Gerücht verbreitet, dass du mit dem Golflehrer in deinem Auto gevögelt hättest. Stimmt das oder nicht? Bitte sei ehrlich.“

„Mit dem Golflehrer?”  Esther lachte lauthals los.

„Der hat eine extrem attraktive junge und sehr hübsche Frau. Warum sollte dieser Mann also in meinem Auto mit einer alten Frau wie mir vögeln wollen? Diese dumme Kuh, die spinnt sich da was zusammen. Kein Wort ist wahr davon.“

„Du hast also nicht mit einem Mann Sex in deinem Auto gehabt? Bitte Esther, lüg mich nicht an. Das wäre das Ende unserer langjährigen Freundschaft. Du weißt, dass ich es nicht weitertratsche, aber lüg mich bitte nicht an.“

„Ich habe ja gar nicht abgestritten, Sex in meinem Wagen gehabt zu haben. Nur eben nicht mit dem Golflehrer. Ja ich habe tatsächlich im Auto ne´ heftig geile Nummer geschoben. Mit Sammy. Es war toll. Es hat mir gut getan und es hat sich gelohnt. Und ich würde es wieder tun, wenn sich die Gelegenheit bietet.“

„Waaaaaas, mit Sammy, dem Barmann? Der könnte dein Sohn sein!“

Gil wich schockiert ein Stückchen von ihrer Freundin zurück.

„Ach Schätzchen, reg dich nicht auf. Es tat gut, sogar sehr gut. Du solltest das auch mal ausprobieren, es wird dir gefallen und vor allem gut tun. Einfach nur zu wissen, dass man immer noch eine Frau ist, die anderen Männern begehrenswert erscheint, sogar Jüngeren. Ich hatte nämlich schon größte Zweifel gehegt, überhaupt noch irgendeine Anziehungskraft auf Männer zu besitzen. Dave behandelt mich seit Jahren wie ein Neutrum. Glaubst du vielleicht, es ist witzig, mit fünfzig Jahren das Gefühl zu haben, ein Neutrum, ein Niemand, durchsichtig zu sein, kein Sexappeal mehr auszustrahlen, für Männer nicht mehr interessant zu sein? Fühlst du dich denn noch attraktiv genug?“

Bewertung gerne erbeten !

Neuer Bestseller? 2.Leseprobe des neuen Frauenromans – Ihr Urteil gefragt.

Hier kommt die zweite Leseprobe, die hoffentlich wieder viele Leser anzieht.

Über eine Coveridee würde ich mich freuen. Das Cover gibt es noch nicht.

Zur Einleitung bitte den ersten Teil lesen.

„Gil, wer sagt, dass wir die Männer brauchen?“

Sie nahm es ganz deutlich wahr, wie Roberts Schritte sich ziemlich hastig von Lynn entfernten. Aber Lynn´s Idee, Dave dafür zu lynchen, schien eine geradezu grandiose Idee zu sein, überlegte sie. Darüber sollte ich ernsthaft nachdenken. Männer scheinen wirklich von einem anderen Planeten zu stammen, wie wir Frauen, kam es Esther in den Sinn.  John Gray hat vollkommen recht mit seiner These, dass der Mann vom Mars und die Frau von der Venus abstammen muss. Männer und Frauen passen in Wirklichkeit einfach nicht zusammen, außer für Sex, zum Kinder machen und vielleicht noch eine Zeit lang, um von ihnen versorgt zu werden. Aber danach?

Diese Gedanken lenkten sie für einen kleinen Augenblick so sehr von all dem Geschehen ab, dass sie plötzlich feststellte, wie still es um sie herum wurde. Nichts drang mehr an ihr Ohr. Nicht das Gelächter ihrer Gäste, nicht Daves Stimme, nicht das Klatschen und Getuschel. Nichts, einfach nichts war mehr zu hören.

Angestrengt versuchte Esther die Stimmen wieder einzufangen. Aber es gelang ihr nicht mehr. Irgendwie musste sich die gesamte Gesellschaft plötzlich in Luft aufgelöst haben? überlegte sie. Wie ist das möglich?

Aber natürlich waren sie alle noch da und amüsierten sich nach wie vor köstlich über Daves Vorstellung. Doch ihr Gehirn schien Erbarmen mit ihr zu haben und blendete für einen Moment die Geschehnisse einfach aus. So drang nur noch ein dumpfes Gemurmel bis an ihr Ohr. Und Daves Stimme war schlagartig verstummt, sie erreichte Esther nicht mehr und sie war dankbar dafür.

Während sie erleichtert diese himmlische Ruhe genoss, wurde sie plötzlich wieder unsanft aus ihrer rettenden Lethargie gerissen. Schlagartig drang erneut lautes Gelächter, das laute Klatschen der Gäste und das große Stimmenwirrwarr an ihr Ohr. Irgendwie schien es ihr, als sei das Lachen und Klatschen sogar noch lauter geworden als zuvor. Offensichtlich war es vorbei. Noch immer stand Esther wie versteinert da und traute sich nicht, sich zu bewegen. Aha, Dave der große Unterhalter erhält nun seinen Applaus, das Theaterstück ist vorbei und der Künstler verneigt sich vor seinem Publikum, kam es Esther in diesem Moment in den Sinn. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie wieder zu sich kam, als eine Gestalt sich schnellen Schrittes auf sie zu bewegte. Jedoch konnte sie im ersten Moment nicht genau erkennen, wer es war, weil die Sonne sie blendete. Dann spürte sie zwei kräftige Hände, die sie packten und fest umklammerten. Nun erkannte sie Dave im Schein der untergehenden Sonne, der sie freudestrahlend an sich riss, als habe er gerade den Jackpot im Lottospiel geknackt und als wolle er dieses Glück jetzt mit ihr teilen.

„Na Schatz, hat es dir gefallen?“

Dave zog sie schwungvoll so fest an sich heran, dass sie kaum noch Luft bekam. Dann gab er ihr einen Kuss auf ihr nach Flieder duftendes Haar, das ihr Kenny, ihr Friseur, noch am Morgen gewaschen und für diesen Abend wunderschön frisiert hatte. Dave ließ dabei seine Hand zärtlich ein paar Male an ihrem Rücken rauf- und runtergleiten, bis seine Hand auf ihrem Po zum Stillstand kam. Esther erschauderte und sie spürte, wie wieder die Röte der Wut in ihre Wangen stieg. Ihre schon seit langem aufgestaute Wut war jetzt kaum noch zu bändigen. Aber sie hatten viele Gäste im Haus, also musste sie sich weiter zusammenreißen. Doch sie selbst kam sich inzwischen wie eine verirrte und vergessene Bombe aus dem zweiten Weltkrieg vor, die jeden Moment hochgehen, jeden Augenblick explodieren konnte.

„Ich habe mir so viel Mühe damit gemacht“, wobei er ihr verschwörerisch in die Pobacken kniff, „um dir eine Freude zu machen. Ich hoffe, es ist mir gelungen. Es hat Stunden gedauert, bis es für meine Angebetete, nur für dich meine große Liebe geschrieben war.“
Du gottverdammter Heuchler, hätte sie am liebsten laut herausgeschrien.

„Es ist mein Geburtstag, es ist meine Geburtstagsfeier und es sind meine Gäste, die zu meinen Ehren gekommen sind.“

„Aber Schatz, das weiß ich doch. Hat es dir denn nicht gefallen?“

„Wie würdest du reagieren, wenn ich dich vor deinen Freunden so entblößen würde. Ich frage mich, ob ich dich wirklich kenne oder je gekannt habe.“

„Wie kannst du so etwas sagen? Was habe ich falsches gesagt oder getan? Ich würde dich auf Händen tragen. Das weißt du genau.“

„Nur das du es nicht tust.“

„Weil du mir keine Gelegenheit mehr dazu lässt.“

„Ha, jetzt bin ich wohl selbst schuld, dass du mich vor all meinen Freunden wie eine Idiotin hinstellst, mich so dermaßen entblößt?“

„Schatz, würdest du nur einmal richtig zuhören, würdest du wissen, dass ich nur aus Liebe zu dir dieses Gedicht für dich geschrieben habe und dass ich dich ganz sicher nicht damit verletzen wollte. Ganz im Gegenteil, Schatz, glaub mir bitte.“

„Soll das heißen, dass ich dir nie richtig zuhöre? Und nenne mich nicht immer Schatz.“

Wütend drehte Esther sich zur Seite.

„Mein Gott, jetzt mach doch nicht so einen Wirbel wegen meines Vortrags, den ich, ich versichere es dir noch einmal hoch und heilig“, wobei er schwörend den Zeige- und Mittelfinger zu einem V geformt nach oben streckte, „aus Liebe, nur aus reiner Liebe zu dir gehalten habe. Was ist falsch daran?“

„Du verstehst gar nichts, Dave.“

„Was soll das jetzt schon wieder heißen? Euch Frauen soll man verstehen?“

Dave fühlte sich langsam genervt von dieser Diskussion und Esthers unterschwelligen Vorwürfen, die sie ihm in letzter Zeit immer öfter um die Ohren schlug. Hätten sie keine Gäste hier gehabt, die Diskussion wäre sicherlich noch heftiger oder gar aus dem Ruder gelaufen. Wahrscheinlicher war es, dass sich diese Unterhaltung zu einem handfesten Streit ausgeweitete hätte. So hatte auch sie keinen Bock mehr, weiter diese sinnlose Unterhaltung zu führen.

„Heute ist dein Geburtstag, der letzte Lebensabschnitt beginnt für dich.“

„Danke, dass du mich daran erinnerst.“

„Was ist bloß los mit dir Esther? Kannst du nicht einfach, wie wir alle, deine Gäste und ich, diesen wundervollen Tag und diese herrliche Sommernacht genießen. Vergiss das blöde Gedicht.“

„Das kann ich nicht. Es hat mir die Augen geöffnet.“

„Jetzt mach da bloß kein Drama draus. Es war doch nur als Liebesbeweis und nicht als Demütigung gedacht. Versuch es doch bitte so zu verstehen, wie es ist. Es ist doch gar nicht alles so ernst gemeint gewesen.“
Dave bückte sich gerade zu ihr herunter, um ihr einen Friedenskuss zu geben, doch sie wandte sich blitzschnell ab, drehte sich auf den Fersen um und ließ den verdutzt schauenden Dave einfach stehen. Sie war nicht in Stimmung für den Austausch solcher Zärtlichkeiten. Noch während Dave ihr vollkommen entsetzt, ja brüskiert nachsah, wie sie mit strammen Schritten auf das Buffet zusteuerte, schlug ihm jemand von hinten kräftig auf die Schulter.

„Hi Dave, altes Haus. Das war wirklich köstlich, habe schon lange nicht mehr so herrlich lachen können, wie über dein Gedicht. Ich wusste überhaupt nicht, dass in dir so ein großartiger Poet steckt. Chapeau. Und wie fand Esther es?“

„Wieso fragst du?“

Dave beschlich plötzlich das unbestimmte Gefühl, dass Maureen ihn getäuscht hatte. Sein Gedicht löste zwar bei allen Gästen, jedenfalls den Männlichen, größte Freude und Begeisterung aus, nur nicht bei seiner Frau, der er schließlich das Gedicht widmete. Forschend blickte er in Alans Gesicht.

„Weil Sandra mir nach so einem Gedicht einen Einlauf verpassen würde, wie sie mich gerade warnte, ja nicht auch auf so eine Idee zu kommen. Frauen haben nämlich keinen Humor, und falls doch, dann jedenfalls einen anderen als wir Männer. Ich fand es auf alle Fälle köstlich gelungen, alter Junge.“

Voller Anerkennung der lyrischen Fähigkeiten seines Freundes Dave, klopfte Alan ihm nochmals auf die Schulter und dann verschwand auch er noch immer fortwährend lachend in Richtung Buffet. Maureen sah den einsamen Dave wie angewurzelt an der Stelle stehen, wo Esther ihn zurückgelassen hatte. Wie Esther so am Buffet stand, beobachtete sie Maureen kritisch, die ihren Blick nicht mehr von Dave ablassen konnte.

Maureen kommt mir neuerdings wie eine Spinne vor, die ihr Netz immer enger um ihre Opfer spannt. Ist Maureen überhaupt noch meine Freundin, fragte sich Esther in diesem Moment. Ihr Blick wanderte zwischen Maureen und Dave einige Male hin und her. Was läuft da zwischen den beiden? Aber will ich das überhaupt noch wissen? Sie beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken.

Natürlich hatte Dave es nicht wirklich böse gemeint, dass wusste sie, und doch traf sie sein witzig gemeintes Gedicht wie ein Fausthieb ins Gesicht. Sie empfand es als Sarkasmus in reinster Kultur. Aber wie war Dave überhaupt auf so eine bescheuerte Idee gekommen, so ein Gedicht zu schreiben. Es war ganz und gar nicht seine Art und außerdem hielt er nie viel von Gedichten. Wer hatte ihn dazu angestiftet? Die Frage trieb Esther noch eine Weile um, während sie mal hier, mal dort mit ihren Gästen scherzte und sich allerlei Heucheleien anhörte.

Ihre Gäste amüsierten sich nämlich prächtig über Daves Vortrag, und das auf ihre Kosten. Das machte sie noch wütender auf Dave. Ich sollte über Lynns Idee nachdenken und ihn wirklich lynchen, überlegte sie einmal mehr. Und Maureen, die sich immer noch vor Lachen ihre Hände vor den Bauch hielt, kam nun direkt auf Esther zu. Sie wollte sich eigentlich schnell verdrücken, als Maureen sie an der Schulter packte und stoppte.

„Man, soviel Humor hätte ich Dave gar nicht zugetraut“, heuchelte sie schadenfroh. Sie spürte genau, wie verletzt Esther war und genoss diesen Moment in vollen Zügen.

Dann vergrub Maureen zu allem Übel auch noch ihre scheußlichen und viel zu langen künstlichen Fingernägel in Esthers Schulter. Wütend wischte sie ihre Hand weg und fauchte Maureen verärgert an. Doch das schien sie nur noch mehr zu amüsieren. Maureen hat sich irgendwie verändert. Was ist bloß los mit ihr, fragte Esther sich, während sie Maureen wütend anfunkelte. Irgendwas läuft zwischen dir und meinem Mann, da Wette ich drum. Wenn ich bloß wüsste was? Ihr brütet doch irgendwas aus, war Esther sich plötzlich sicher, während sie versuchte, Maureens Fassade zu durchbrechen.

„Was um alles in der Welt ist an diesem Gedicht so lustig? Hast du was damit zu tun?“

„So ein Quatsch. Seit wann kannst du keinen Spaß mehr vertragen? Sonst bist doch immer diejenige, die gerne mal ein Scherzchen auf Kosten anderer macht.“

Entrüstet wich Esther einen Schritt zurück.

„Spinnst du jetzt komplett? Ich mache nie Scherze auf Kosten anderer, wie kannst du nur so etwas sagen? Was ist bloß in letzter Zeit mit dir los? Hast du ein Verhältnis mit Dave?“

Noch im gleichen Moment verfluchte sich Esther dafür, die eifersüchtige Ehefrau zu spielen. Sie kam sich dabei so unbeschreiblich bescheuert vor, Maureen diese Frage zu stellen. Denn sie erwartete ja nicht ernsthaft eine ehrliche Antwort von ihr. Also hätte sie sich diese Frage auch sparen können.

Doch Maureen überging elegant die Frage ihrer Freundin und antwortete stattdessen: „Dave hat sich so viel Mühe für dich gemacht und wie dankst du ihm das? Ich wäre schon froh, wenn Keith mich überhaupt noch wahrnehmen würde.“

Esther wunderte es überhaupt nicht, dass Keith sich mehr und mehr von ihr entfernte. Irgendwie trieb sie neuerdings ein undurchschaubares Spiel. Schnippisch wandte Maureen sich von ihrer Freundin ab, aber nicht, ohne heimlich ihren inneren Sieg zu genießen. Dann verschwand sie im Pulk der anderen lachenden Gäste.

Dave durchzuckte es, als er die beiden Frauen zusammen sah, die sich offenbar feindselig unterhielten. Angespannt und nervös beobachtete er die Beiden. Er suchte in Esthers Gesicht nach einer Reaktion. Ihn beschlich im gleichen Moment ein ungutes Gefühl.

Hoffentlich macht sie es nicht noch schlimmer. Ich wüsste zu gerne, über was Maureen mit Esther gesprochen hat. Ich hoffe nur, sie hält sich an unsere Abmachung, dachte Dave nervös. Nachdem Maureen sich entfernt hatte, kam Dave eiligst angerannt, entriss Esther ihren Gedanken, in die sie auf dem Weg zum Wohnzimmer gerade tief versunken war.

„Was wollte Maureen von dir?“

„Nichts, sie hat deine Verteidigung übernommen. Seltsam, nicht wahr.“

„Was für eine Verteidigung?“

Dave war sichtlich beunruhigt.

„Habt ihr beide ein Geheimnis? Oder ein Verhältnis?“

„Jetzt drehst du aber vollkommen durch! Was soll diese schamlose Unterstellung, Esther, warum sagst du so etwas?“

„Weil mir Maureens Verhalten in letzter Zeit äußerst seltsam vorkommt und wie sie für dich in die Presche springt, alle Achtung.“

Während Esther den armen Dave wieder wie einen vergessenen alten Schuh stehen ließ, dachte sie über Maureen nach. Komisch, wieso entwickle ich auf einmal so eine Abneigung gegen Maureen? ging es ihr durch den Kopf. Zählt sie denn nicht mehr zu meinen besten Freundinnen? Doch irgendetwas stimmt nicht mehr mit ihr, das spüre ich genau. Irgendwas ist hier im Busch.

Der Abend verlief weiterhin zur vollsten Zufriedenheit ihrer geladenen Gäste. Doch Esther wurde es alles zuviel. So beschloss sie kurzerhand, als Erste ihre eigene Party zu verlassen. Sie schob plötzlich auftretende Bauschmerzen vor. Dave war ihr gefolgt.

„Wohin gehst du?“

„Schlafen.“

„Du kannst doch deine Gäste nicht einfach sich selbst überlassen, Schatz, die sind doch alle nur deinetwegen hier!“

„Wieso denn nicht, du hast sie doch bisher auch sehr gut unterhalten, ihr braucht mich nicht. Ich bin müde und habe Bauchschmerzen. Folgedessen gehe ich jetzt zu Bett. Es ist doch schon ziemlich spät. Lasst euch davon nicht stören. Hey Leute, hört mal alle her. Darf ich bitte mal kurz um eure Aufmerksamkeit bitten?“ rief Esther in die Runde. „Hey, seid doch bitte mal einen Moment ruhig.“
Nachdem sie kurzerhand die Musik ausgeschaltet hatte, schauten sämtliche Gäste überrascht zur Terrasse.

„Hört mal Leute, ich möchte mich bei euch allen für euer Kommen und die Geschenke bedanken. Ich hab´ mich wirklich sehr über euren Besuch gefreut. Bitte seid mir nicht böse, aber mir geht es im Augenblick nicht so gut. Ich denke, ich werde zu Bett gehen. Aber bitte, lasst euch nicht stören. Ihr könnt selbstverständlich so lange bleiben, wie ihr Spaß habt. Dave ist ja da und wird weiter für euer leibliches Wohl sorgen. Nochmals Danke für euer Kommen und gute Nacht allerseits.“

„Na bitte, was hab ich dir vorhin gesagt, sie ist sauer und zwar richtig sauer, da gehe ich jede Wette mit dir ein“, meinte Lynn Paddy siegessicher, die während Esthers kleiner Ansprache schnell zu Robert Bennet huschte, ihn an seinem Hemd packte, um ihren Verdacht zu bestätigen.

Esther verließ die Terrasse und ging ins Haus. Irgendwie war sie müde des Lebens. Wieso um alles in der Welt bin ich in letzter Zeit nur so gereizt? fragte sie sich immer öfter. Habe ich vielleicht einfach nur überreagiert? Hatte Dave sich nicht wirklich alle Mühe gegeben, mir eine Freude zu machen? Und ich, ich dumme Kuh habe ihm dafür den ganzen Abend verdorben. Aber warum konnte mich sein Gedicht so dermaßen aus der Fassung bringen?  

Ein ganz kleines schlechtes Gewissen, noch kleinere Schuldgefühle ließen sie einen winzigen Moment nachdenklich werden. Doch das verging sehr schnell wieder. Eigentlich war es ihr egal, ob sie Dave damit kränkte oder nicht. Auf dem Weg in ihr  Schlafzimmer, hörte sie plötzlich Daves aufgebrachte Stimme, die  sie  jedoch nur noch dumpf wie ein Tunnelecho erreichte.

„Du kannst jetzt unmöglich ins Bett gehen?“, rief er ihr vom Flur aus hinterher. Das hier ist deine Feier, es sind schließlich deine Gäste, wie du gerade selbst festgestellt hast. Du kannst mich doch jetzt nicht mit allem hier alleine lassen! Esther, komm sofort zurück!“

Sie verschloss die Zimmertür hinter sich,  ging ins Bad, zog sich aus, schminkte sich ab und betrachtete nackt ausgiebig und sehr kritisch  ihren Körper im Badzimmerspiegel, der über die gesamte Wand reichte. Sie hatten sich seinerzeit entschieden, eine Wand ganz aus Spiegelglas fertigen zu lassen. Esther liebte es, sich in einem Spiegel ganz betrachten zu können, nicht immer nur den Kopf oder allenfalls mal einen halben Körper. Meistens blieben dabei die Problemzonen der Frau unsichtbar, weshalb man kaum sah, was dringend korrigiert gehörte.

Nun hat mein Körper bereits ein halbes Jahrhundert hinter sich gebracht. Was fangen wir nun mit unserer zweiten Lebenshälfte Schönes an.

„Hast du eine Idee“, fragte sie ihr Spiegelbild. Kritisch betrachtete sie sich von allen Seiten in ihrem Spiegel. Sie fuhr sich mit der Hand durch ihre langen rotblonden Haare, die auch jetzt noch wie eine wunderschöne Löwenmähne in weichen Locken über ihre Schulte hingen.

„Bin ich noch attraktiv oder schon fern ab von Gut und Böse? Was meinst du dazu Mädel, sind wir noch attraktiv genug, dass sich andere Männer nach uns umdrehen werden, sich nach uns verzehren? Soll ich mir vielleicht mal meine Haare schwarz oder dunkelbraun färben lassen? Oder meinst du, mir würde mal zur Abwechslung eine flotte Kurzhaarfrisur besser zu Gesicht passen.“

Sie drehte ihr lockiges Haar zu einem Dutt zusammen und betrachtete sich so mit kurzem Haar.

„Nein, ich denke die langen Haare, besonders, wenn sie so dick sind wie meine, sehen einfach geiler, sexier, attraktiver aus oder was meinst du?“

Sie entließ ihre Haare aus der Zwangsumklammerung und zupfte sich ihre Locken wieder zurecht. Dabei betrachtete sie sich erneut von allen Seiten. Sie führte in letzter Zeit gerne mal ein Zwiegespräch mit ihrem Spiegelbild.

Aus der Ferne drang die Musik von Tina Turner an ihr Ohr. Sie sang gerade ihren grandiosen Song Nutbush, die ihre scheinbar nicht zu versiegende Superpower widerspiegelte. Automatisch geriet man in Schwingung, ob man wollte oder nicht. Nutbush, noch während sie sich weiterhin von allen Seiten im Spiegel betrachtete, begann Esther sich im Rhythmus der Musik zu bewegen und schaute sich dabei im Spiegel zu. Das erregte sie plötzlich ungemein. Sie betrachtete dabei ununterbrochen ihr Spiegelbild, während ihre Hände ihre noch immer straffen Brüste umschlangen, die sich wie Knospen einer Rose stolz nach vorne wölbten.

„Nicht schlecht für dein Alter, meine Liebe.“

Das Dröhnen der Musik aus den großen Lautsprechern ließ den Boden in der ersten Etage erzittern. Irgendjemand musste die Laufstärke hochgestellt haben, denn Dave war das sicher nicht. Er hasste zu laute Musik. Nur sehr vage vernahm sie das Klopfen an der Schlafzimmertür, das sich langsam zu einem Pochen entwickelte. Dave stand draußen vor der Tür und wollte, dass sie ihm öffne. Sie ignorierte es einfach und konzentrierte sich weiter auf die herrliche Musik und ihre Gefühle.

„Klopf du nur. Heute schläfst du ganz sicher im Gästezimmer, soviel ist sicher mein Liebling.“

Die Vibration drang durch ihren Körper, ja, sie stimulierte sie auf eine seltsame Art und Weise, die ihr ein ganz neues wundervolles Gefühl vermittelte.  Ihre Hand glitt sanft wie von selbst von ihren Brüsten über ihren Bauch zu ihren Schamlippen. Als ihre rechte Hand über ihr Schambein glitt, spürte sie ein unglaubliches Verlangen, sich selbst zu befriedigen. Mit zwei Fingern umklammerte sie ihre Klitoris, ihr wurde heiß und sie stieß genussvoll und voller Wonne ihren Mittelfinger in ihre Vagina. Sofort vergaß sie alles andere um sich herum. Nichts außer ihr, ihrem Spiegelbild und ihrer großen Lust auf Selbstbefriedigung existierten in diesem Moment.

Mit geschlossenen Augen stellte sie sich vor, es wären die Finger eines rassigen, geilen, aber zärtlichen Liebhabers. Sie sah einen muskulösen, gut aussehenden, braungebrannten schwarzhaarigen Mann mit stahlblauen Augen, einem muskulösen Körper und einem wundervoll männlichen Geruch vor sich. Sie spürte, wie sein straffer Körper mit ihrem verschmolz. Sie stellte sich vor, wie er sie zärtlich glücklich machen würde. Sie steigerte sich so sehr in diese Vorstellung, dass sie glaubte, ihn wirklich riechen und spüren zu können.

Mit den Handballen stimulierte sie ihren Kitzler in rotierenden Bewegungen, was sie immer mehr in Stimmung brachte, sie immer geiler werden ließ. Ihr Mittelfinger drang in rhythmischen Bewegungen tief in ihre Scheide ein. Sie war inzwischen so feucht wie ein großes biotopisches Feuchtgebiet. Mit ihrem Mittelfinger befeuchtete sie zwischendurch ihre inneren Schamlippen, sodass ihre Hand besser gleiten konnte. Ein unbeschreibliches Kribbeln begann ihren ganzen Körper zu erobern.

Ihre linke Hand umklammerte noch immer ihre Brust, während sie nun langsam zu Boden sank. Mit weit gespreizten Beinen drückte sie sich gegen die Spiegelwand, öffnete nun wieder ihre Augen, um sich bei der Selbstbefriedigung zuzuschauen, was sie noch mehr erregte. Mit lautem Stöhnen wurde ihre Hand immer schneller in ihrer Bewegung. Esther wurde so geil und feucht, wie lange schon nicht mehr. Jede Selbstberührung genoss sie in vollen Zügen, als sei es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie solche starken Empfindungen habe. Inzwischen bebte ihr gesamter Körper und schrie förmlich nach mehr. Sie schloss wieder ihre Augen und sah sofort das Bild dieses rassigen Mannes vor ihrem geistigen Auge. Mit ihm kam sie ihrem Orgasmus immer näher.

Rezensieren erbeten

Eure Caren Anne Poe